Making-Of Concordia

Italy | Story | August 2014

Monday, July 14, 2014. I’m sitting in the office working. On a third screen, I follow the Costa Concordia’s refloating operation via livestream. I have been caught up in the story since the first day of the disaster.  For more than two years I’ve been collecting and following all news and updates on the recovery process and the follow-up of the accident. A colleague comes to my table.“What are you looking at?““The recovery of the Concordia!““Ah, wow, that still exists?“ „Yes. I think I’ll go to Genoa and look at her when she arrives.“ „Seriously?“ „Sure!“

Four weeks later, I am actually at the port of Genoa. It’s night. In the distance, huge floodlights illuminate the remains of the Concordia. It looks like a huge spaceship, stranded in a place where it doesn’t belong. The scenery seems surreal. Together with some friends I went to Genoa over the weekend to see the Concordia. We spent the whole day in the car and made it into town by nightfall.

The next day I return to the promenade. I don’t have a well-thought-out plan. Getting as close to the ship as possible is the roughly formulated goal. Seeing what is possible and trying to understand the scenery. I still think it’s too crazy and impossible to board the ship at this moment and it’s not even on my agenda.

People are taking in the sun, bathing and playing on the beach below me. Some fish or paddle around in rubber dinghies.

Es ist Montag, der 14. Juli 2014. Ich sitze im Büro und arbeite. An einem dritten Bildschirm verfolge ich über einen Livestream den Refloating Prozess der Costa Concordia. Seit dem ersten Tag des Untergangs lässt mich die Geschichte jetzt nicht mehr los.  Seit über zwei Jahren sammle und verfolge ich alle News und Updates zum Bergungsprozess und der Aufarbeitung des Unglücks. Ein Kollege kommt zu mir an den Tisch.„Was schaust du da?“Die Bergung der Concordia!“„Ah wow, die gibst noch?“„Ja. Ich glaube, ich fahre nach Genua und schaue sie mir an, wenn sie angekommen ist.“„Ernsthaft?“„Klar!“

Vier Wochen später stehe ich tatsächlich am Hafen von Genua. Es ist Nacht. In der Ferne erleuchten riesige Flutlichter die Überreste der Concordia. Sie wirkt wie ein riesiges Raumschiff und ist schon von weitem gut sichtbar. Die Szenerie wirkt surreal. Mich dem Wrack nähern werde ich heute nicht. Die Fahrt über die Alpen war lang, ich gehe schlafen.

Am nächsten Tag stehe ich wieder an der Promenade. Einen genauen Plan habe ich nicht. Ein Gefühl treibt mich. Ich möchte so nah wie möglich an das Schiff kommen. Die Szenerie begreifen. Das Schiff zu betreten kommt mir in diesem Moment noch als zu abgedreht und unmöglich vor und steht nicht auf meiner Agenda. Am Strand unter mir sonnen, baden und spielen Menschen. Einige fischen oder paddeln mit Schlauchbooten umher.

The Concordia is about one kilometre away from the beach. Attached to the inside of the pier, which protects the large container port from waves and the force of the sea.

About two weeks ago the Concordia arrived here, accompanied by huge media buzz. It is now being scrapped in the same city where it was built a good eight years ago. One third of the ship is still under water and the draught is so great that it cannot yet be towed into the shipyard where it will later be scrapped.

In a first phase, the entire interior that lies above the waterline is to be removed to make the ship lighter and reduce the draught.

Not much has happened in the two weeks since she arrived. A small team has started searching for the last missing persons and has worked on the creation of essential infrastructure. Light, electricity, and navigation made possible inside. The actual scrapping work will not begin until two to three weeks later.

Die Concordia befindet sich etwa einen Kilometer Luftlinie vom Strand entfernt. Festgemacht an der Innenseite der Mole, die den großen Container Hafen vor Wellen und der Kraft der See schützt. Vor etwa zwei Wochen ist die Concordia, begleitet von einem riesigen Medienrummel, hier eingetroffen. In derselben Stadt, in der sie vor gut acht Jahren gebaut wurde, wird sie nun auch verschrottet. Ein Drittel des Schiffes ist nach wie vor unter Wasser und der Tiefgang so groß, dass sie jetzt noch nicht in die Werft, in der sie später zerlegt werden wird, gezogen werden kann. In einer ersten Phase soll zunächst das gesamte Interieur, das über der Wasserlinie liegt, entfernt werden um das Schiff leichter zu machen und den Tiefgang zu verringern. In den zwei Wochen seit ihrer Ankunft ist zunächst nicht viel passiert. Es wurde begonnen das Schiff betretbar zu machen, Lichtleitungen wurde gelegt, Suchtrupps suchen nach den immer noch letzten Vermissten. Die eigentlichen Abwrack-Arbeiten sollen erst in zwei bis drei Wochen beginnen.

Inspired by the bathers on the beach I get a rubber dinghy. A friend of mine accompanies me and completely unplanned and naive we crossed over to the pier in the middle of the day. It is only 200 meters to cross to reach the pier on the other side of the harbour entrance. The rubber dinghy is then moored and hidden between breakwaters. I’m unpacking my camera and we’re off.  Camouflaged as unsuspecting tourists we are magically attracted by the ship. The closer we get to the Concordia, the greater the excitement. About half an hour later we are standing directly in front of the ship. It’s huge, a floating city. 15 floors high, almost 300 meters long. A cool and foul-smelling breeze blows out from inside the ship.

While standing directly in front of the ship, the first workers greet us as if we were members of the team. Irritated by their reaction, I continue shooting. About 10 minutes later there is some commotion. Italian screaming sounds through the air and people running in our direction break the almost meditative mood.

We are escorted back ashore by the coast guard. „Swimming inside the harbor is forbidden“ we receive as a last greeting. The spontaneous excursion remains inconsequential.

Back home again, the story now definitely leaves me no peace. I hardly ever sleep, and all I can think about at work is the ship. „I have to go back.“ This time with a plan and prepared. Take the last opportunity before the scrapping works start at the end of August. What drives me? The story. More or less a re-enactment of the Titanic tragedy almost 100 years later to the day. An event overloaded with symbolism for our time and the problems we face. Not to mention my passion for hiding places and inaccessible places.

Saturday, August 29th: I am on my way back to Genoa, this time alone and by plane. Hand luggage only. With me: My Canon, two lenses ( 16-35 mm 2.8 and 24-105 mm 4.0 ), batteries, memory cards, flash, a small tripod, board plans, swimming flippers, a waterproof bag and a small inflatable boat for children.

At the security check at the airport, a baffled security guard asks me what I have in mind? „Short beach vacation!“ „Beach vacation?“ „Yes!“ After some back and forth I can continue.

Inspiriert von den Badegästen am Strand besorge ich mir ein Schlauchboot. Ein Freund begleitet mich und völlig planlos und naiv setzten wir mitten am Tag zur Mole über. Es gilt gerade einmal 200 Meter zu überwinden um die Mole auf der anderen Seite der Hafeneinfahrt zu erreichen. Das Schlauchboot wird zwischen Wellenbrechern festgemacht und versteckt. Ich packe meine Kamera aus und wir laufen los. Mal schauen wie nah wir an das Schiff kommen. Getarnt als ahnungslose Touristen lassen wir uns vom Schiff magisch anziehen. Umso näher wir der Concordia kommen, umso größer wird die Aufregung. Gut eine halbe Stunde später stehen wir direkt vor dem Schiff. Es ist riesig, eine schwimmende Stadt. 15 Stockwerke hoch, fast 300 Meter lang. Aus dem Inneren des Schiffes zieht ein kühler und stinkender Luftzug nach außen. Während wir unmittelbar vor dem Schiff stehen, grüßen uns erste Arbeiter, als ob wir Mitglieder des Teams wären. Irritiert von deren Reaktion fotografiere ich weiter. Erst etwa 10 Minuten später kommt Aufregung auf. Italienisches Geschrei fliegt durch die Luft aufgeregte Wortwechsel und Menschen, die in unsere Richtung rennen, brechen die bisher fast meditative Stimmung. Eskortiert von der Küstenwache gelangen wir wieder an Land. „Swimming inside the harbor is forbidden“ bekommen wir als letzten Gruß hinterhergerufen. Der spontane Ausflug bleibt folgenlos.

Wieder zuhause angekommen lässt mir die Geschichte nun endgültig keine Ruhe mehr. Ich schlafe kaum und in der Arbeit denke nur noch an das Schiff. „Ich muss wieder hin“. Diesmal mit einem Plan und vorbereitet. Die letzte Gelegenheit, bevor die Abwrackarbeiten Ende August losgehen, nutzen. Was mich antreibt? Die Geschichte. Eine Neuaufführung der Titanic Tragödie. Ein Ereignis, so überladen mit Symbolik für unsere Zeit und die Probleme vor denen wir stehen. Anderseits und zu einem nicht zu unterschätzendem Anteil auch, mein Faible für Verstecke und unzugängliche Orte. Der offizielle Weg wurde mir bereits vor meinem ersten Versuch verwehrt. Die Begründung der Reederei: Schlechte PR. Man will das die Sache mit der Concordia so schnell wie möglich aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Zu viele unbequeme und unbeantwortete Fragen liegen noch auf dem Tisch. Noch mehr Ansporn für mich. Die Idee hat sich in meinem Kopf festgesetzt und lässt mir keine Ruhe mehr.

 

Samstag, 29.August: Ich bin wieder auf dem Weg nach Genua, diesmal alleine. Ich reise nur mit Handgepäck. Mit dabei: Meine Canon, zwei Objektive ( 16-35mm 2.8 und 24-105mm 4.0 ), Akkus, Speicherkarten, Blitz, ein kleines Stativ, Boardpläne, Schwimmflossen, ein wasserdichten Sack und ein kleines Kinderschlauchboot. Am Security Check im Flughafen werde ich von einem verdutzten Sicherheitsmann gefragt, was ich denn vor habe? „Strandkurzurlaub!“ „Strandkurzurlaub?“ „Ja!“ Nach einigem hin und her darf ich weiter.

 

At about 10 pm I stand in front of the airport in Genoa. „Taxi! To the harbour, please!“ „What? Are you sure?“ „Yes, this address here!“ „There’s nothing there in the evening! Are you sure? Would you like me to drive you to a hotel? No! To the harbour! I want to go to the Concordia!“ „Ah oh. Okay.“

Once again the ship is beaming at me. The entire harbour is illuminated. It is quiet, only in the distance one hears the buzzing of the power generators on the Concordia.

Um ca. 22 Uhr stehe ich vor dem Flughafen in Genua. „Taxi! Zum Hafen bitte!“ „Was? Bist du sicher?“ „Ja, diese Adresse hier!“„Da ist aber abends nichts! Bist du sicher? Soll ich dich zu einem Hotel fahren?“„Nee! Zum Hafen! Ich will zur Concordia!“„Ah oh. Okay.“

Wieder strahlt mich das Schiff an. Der gesamte Hafenbereich ist ausgeleuchtet. In der Ferne surren die Stromgeneratoren auf der Concordia und sind auch in einem Kilometer Entfernung noch deutlich zu hören.

Before I get started, I’ll grab something to eat. Two pizzas, two bottles of water. That’ll have to do. Camera surveillance, security guards, coast guard and police guard the ship. If I am lucky I will have a maximum of 30-45 minutes in the ship before being picked up.

I expect to lose my camera. The treasure are the memory cards with the pictures. It is essential to secure them. I have hidden pockets sewn into my shoes. I will try and hide two of the three memory cards there. The third is left in the camera in case I get caught, so as not to arouse suspicion.

Arrest, seizure of equipment. After a few hours of questioning I would be free and would have the cards with the valuable data in my shoe. All good. Well, that’s the plan at least.

In the two weeks since my last visit I have been going through countless scenarios to prepare myself. I studied the board plans and the peculiarities of the ship meticulously. The possible sequences and outcomes have been played out countless times in my mind. But I would never have guessed how it actually went down in the end.

Bevor es losgeht besorge ich mir noch etwas zu essen. Zwei Pizzen, zwei Flaschen Wasser. Das muss reichen. Kameraüberwachung, Security Guards, Küstenwache und Polizei bewachen das Schiff. Wenn ich Glück habe werde ich maximal etwa 30-45 Minuten im Schiff haben bevor ich aufgegriffen werde. Ich rechne damit meine Kamera zu verlieren. Der Schatz sind die Speicherkarten mit den Bildern. Die gilt es zu sichern. In meinen Schuhen habe ich versteckte Taschen eingenäht. Zwei der drei Speicherkarten würde ich hier verschwinden zu lassen. Die dritte wird im Falle eines Aufgreifens, um keinen Verdacht zu wecken, in der Kamera gelassen. Verhaftung, Beschlagnahmen des Equipments. Nach einigen Stunden Befragung würde ich frei kommen und hätte die Karten mit den wertvollen Daten im Schuh. Läuft. So zumindest der Plan. In den zwei Wochen seit meinem letzten Besuch habe ich unzählige Szenarien durchgespielt um mich vorzubereiten. Die Boardpläne und die Eigenheiten des Schiffes habe ich akribisch studiert. Der mögliche Ablauf und Ausgang ist unzählige Male im Kopf durchgespielt. Doch nie wäre ich darauf gekommen wie es am Ende dann tatsächlich kam.

Bilder/Scans Pläne/Karten

I’m standing by the water. My heart is beating in my throat. It’s about 11 pm now. I’m getting ready. The camera and its equipment are packed in a drybag. That, together with my clothes and the food in the children’s rubber dinghy. I put on my flippers, push the boat into the water and stand still. „Shit, am I doing this for real?“ A thousand thoughts suddenly flash through my mind. After many sleepless nights and hours of preparation, I suddenly have doubts about my undertaking. I am afraid. And I stand there, frozen.

A horn in the distance finally releases me from my stupor after a few minutes. „Let’s go!“ screams an inner voice. I push the boat and jump into the water. From here on, it all happens like in a movie. An automatic mode guides me. I hold on to the boat and paddle with my feet. Halfway down I start fighting the current. It is much stronger at night and drives me off further than last time. „What a bullshit idea!“ comes to my mind. A few minutes later I arrive at the pier completely exhausted. I don’t have much time to rest. The next patrol boat is looming in the distance. I hide on the side of the pier facing the open sea. There, like last time, I clamp the boat between the breakwaters and get dressed again.

Hidden behind a small wall on the lower level of the pier I crawl towards the Concordia. Here I have to cross over a one meter high wall every 50 meters. It’s exhausting, but at least I’m safe from the coast guard searchlights here. After half an hour of this I reach the ship.

I’ll wait until dawn and board the ship at about 6 am. Totally exhausted I try to get some sleep and recharge my batteries.

It’s impossible on the port side. The large power generators on the deck of the ship generate a hell of a noise. On the sea side, on the other hand, I find a corner protected from wind and sight. Perfect. When I try to make myself comfortable, I gradually notice a biting stench in my nose and realize that I have laid down in the piss corner…

When I find a clean corner a little bit later, I still can’t sleep. I’m way too excited. I keep dozing off just to startle awake again 20 minutes later. Every now and again I hear a boat rattling by. I can‘ t say if it’s just a fishing boat or the coast guard patrolling the Concordia. A new dawn is rising.

Ich stehe am Wasser. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Es ist jetzt etwa 23 Uhr. In der Hafeneinfahrt ist es nun ruhig. Nur gelegentlich durchquert ein Schiff die Fahrrinne. Ich bereite mich vor. Kamera plus Zubehör kommen in ein Drybag. Dieser zusammen mit meinen Klamotten und der Verpflegung in das Kinderschlauchboot. Ich ziehe mir die Flossen an und schiebe mein Boot ins Wasser und erstarre erst mal. „Scheiße, mache ich das jetzt echt?“ Tausend Gedanken schießen mir plötzlich durch den Kopf. Nach zahllosen schlaflosen Nächten und Stunden der Vorbereitung kommen mir plötzlich Zweifel an meinem Unterfangen auf. Angst macht sich spürbar. Ich stehe wie festgefroren da. Ein Hupen in der Ferne löst mich schließlich nach einigen Minuten aus meiner Starre. „Los jetzt!“ schreit eine innere Stimme. Ich stoße mein Boot an und springe ins Wasser. Ab hier läuft alles ab wie ein Film. Ein Automatikmodus lenkt mich. Ich halte mich am Boot fest und paddele mit den Füssen. Auf Hälfte der Strecke fange ich an gegen die Strömung zu kämpfen. Die Strömung ist Nachts wesentlich stärker und treibt mich wesentlich weiter als beim Letzen Mal ab. „Was für eine Scheißide!“ schießt mir durch den Kopf. Völlig erschöpft komme ich einige Minuten später an der Mole an. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt mir nicht. Das nächste Patrouillen Boot zeichnet sich in der Ferne ab. Ich verstecke mich auf der zum offenen Meer hin liegenden Seite der Mole. Dort klemme ich das Boot wie beim letzten Mal zwischen die Wellenbrecher und ziehe mich wieder an. Versteckt hinter einer kleinen Mauer auf der unteren Ebene der Mole krabbele ich in Richtung Concordia. Hier muss ich etwa alle 50 Meter eine ein Meter hohe Mauer überqueren. Es ist anstrengend, aber zumindest bin ich hier vor den Suchscheinwerfern der Küstenwache sicher. Nach knapp einer halben Stunde komme ich beim Schiff an. Ich werde bis zum Morgengrauen warten und ab etwa 6 Uhr das Schiff betreten. Total erschöpft versuche ich etwas Schlaf abzubekommen um Energie zu tanken. Auf Hafenseite unmöglich. Die großen Stromgeneratoren auf dem Deck des Schiffes erzeugen einen Höllenlärm. Ich finde auf der Meerseite ein wind- und sichtgeschützes Eck. Perfekt. Bei dem Versuch es mir gemütlich zu machen, merke ich allmählich wie einen beißender Gestank mir in die Nase steigt und stelle fest, dass ich mich ins Pisseck gelegt hab…

Auch, als ich wenig später ein sauberes Eck finde, klappt es nicht mit dem Schlafen. Ich bin viel zu aufgeregt. Ich döse immer wieder ein um keine 20 Minuten später wieder aufzuschrecken. Hin und wieder sehe ich die Suchscheinwerfer der Patrouillen Boote die Mole ableuchten. Es fängt an zu dämmern.

Packed and dressed I stand a little later at a tunnel entrance in the pier. On the other side is the Concordia. Just like when I was crossing over from the mainland, I stay in a kind of stupor for a few minutes right when I’m about to go. A thousand thoughts cross my mind again. „Am I really doing this now?“ The same cycle of doubt and fear goes on in my head again. A ship hoots in the distance, that pulls me out of my trance and the automatic mode starts up again. As if remote-controlled, I set myself in motion. Passing containers directly to the landing platforms and finally on board.

Gepackt und angezogen stehe ich wenig später an einem Tunneleingang in der Mole. Auf der anderen Seite liegt die Concordia. Wie beim Übersetzen vom Festland verharre ich auch jetzt, als ich gerade loslaufen wollte, wieder für einige Minuten in einer Art Starre. Tausend Gedanken schießen mir wieder durch den Kopf. „Mache ich das jetzt wirklich?“ Dasselbe Spiel von Zweifel und Angst im Kopf läuft wieder ab. Ein Schiff hupt in der Ferne, reißt mich aus meiner Trance und der Automatikmodus springt wieder an. Wieder wie ferngesteuert setze ich mich in Bewegung. An Containern vorbei direkt zu den Landungsbrücken und schließlich an Board.

Quick situation check. There are no noises in the ship. I look at the board plan and head for my first destination, the big theatre in the front area of the ship. The entrances are on decks 3-5.  Since the water is up on deck 2 and the destruction on decks 3 and 4 is massive, I try to get into the hall via deck 5. The inside of the ship looks like a surreal labyrinth to me. Again and again corridors and staircases are blocked and force me to find alternative routes. Deck 3 to 6 were completely under water 4 weeks ago and the rooms are completely devastated. In many places the floors have already given way and entire rooms have collapsed. Sometimes you can see 3 decks deep into the gorges. Because of the force of the waves and the slanted position of the ship, debris and mud were smashed all through the ship. They pile up to the ceiling in some areas of the ship, while other areas of the ship are completely empty. The stench is crushing. The closer you get to the waterline on deck 2, the more intense the stench. It smells of mould, decay, oil, chemicals, old water and rotten fish. A mixture and a scent that I have never experienced before and which now makes me understand why workers only enter the ship in protective clothing.

Kurzer Lage-Check. Im Schiff sind keine Geräusche zu vernehmen. Ich sichte den Boardplan und steuere als erstes Ziel das große Theater im vorderen Bereich des Schiffes an. Die Eingänge befinden sich auf Deck 3-5. Da das Wasser auf Deck 2 steht und die Zerstörung auf Deck 3 und 4 massiv ist, versuche ich über Deck 5 in den Saal zu gelangen. Das Innere des Schiffes stellt sich mir wie ein surreales Labyrinth dar. Immer wieder sind Gänge und Treppenhäuser blockiert und zwingen mich Alternativrouten zu finden. Deck 3 bis 6 standen vor 4 Wochen noch komplett unter Wasser und die Räume sind völlig verwüstet. An vielen Stellen haben die Böden bereits nachgegeben und ganze Räume sind in sich zusammengefallen. Teilweise kann man 3 Decks tief in die Schlünde heruntersehen. Durch die Kraft der Wellen und der Schräglage des Schiffes wurden Trümmer und Schlamm kreuz und quer durch das Schiff gedrückt. Sie türmen sich in einigen Bereichen des Schiffes bis unter die Decke, während andere Bereiche des Schiffes komplett leergefegt sind. Der Gestank ist erdrückend. Je näher man der Wasserlinie auf Deck 2 kommt, desto intensiver wird der Gestank. Es riecht nach Schimmel, Verwesung, Öl, Chemikalien, altem Wasser und verrotteten Fisch. Eine Mischung und ein Duft, den ich vorher so noch nie vernommen habe und der mich jetzt auch nachvollziehen lässt warum Arbeiter nur in Schutzkleidung das Schiff betreten.

I work my way through the next few hours from one point to the next according to a previously defined list of priorities. From the dance hall and atrium to the theatre. Then back to the aft to the big restaurants and so on. I feel like I’m a part of a play and the events take place like a film in my head. The rooms seem to me like theatres stages or backdrops. The once bright colours are covered with a green-brown veil. The formerly splendidly decorated rooms degenerated into cheap fake backdrops.

A lot of what I see I will only be able to understand and grasp later.

The faces of the great chandelier in the theatre, for example, remain hidden from me in the dark on this day. They only become visible to me days later during the development of the pictures.

Nach einer vorher festgelegten Prioritäten-Liste arbeite ich mich jetzt die nächsten Stunden konzentriert von einem Punkt zum nächsten. Über den Tanzsaal und das Atrium zum Theater. Anschließend wieder zurück nach Achtern in die großen Restaurants und so weiter. Ich fühle mich als Teil eines Theaterstücks und das Geschehene läuft wie ein Film in meinem Kopf ab. Wie Theaterbühnen bzw. Kulissen erscheinen mir die Räume. Die einst grellen Farben sind von einem grünbraunem Schleier überzogen. Die früher prunkvoll verzierten Räume entarten sich als billige Fake-Kulissen.  Vieles, was ich sehe, werde ich erst später verstehen und greifen können. Die Gesichter des großen Kronleuchters im Theater beispielsweise bleiben mir an diesem Tag im Dunkeln verborgen. Sichtbar werden sie für mich erst Tage später bei der Entwicklung der Bilder.

It takes about two hours to break me out of my automatic mode. I’m standing in a corridor on Deck 5. This was once the way to the lifeboats. The corridor is littered with luggage, strollers and wheelchairs. They appear to be trampled flat. The ceiling is crooked and water is dripping down from it. You can still feel the panic. The very notion that hundreds of people once crowded into the lifeboats in fear gives me goose bumps. I sit down briefly and only now I’m gradually realizing where I am right now. „Am I actually sitting in the Costa Concordia? What the fuck am I doing here?“

Es vergehen etwa zwei Stunden bis es mich aus meinem Automodus reißt. Ich stehe in einem Gang auf Deck 5. Hier ging es einst zu den Rettungsbooten. Der Gang ist übersät von Gepäckstücken, Kinderwägen und Rollstühlen. Sie wirken plattgetrampelt. Die Decke hängt schief und es tropft Wasser von ihr. Die Panik ist immer noch zu spüren. Die Vorstellung daran, dass sich hier einst hunderte Leute in Angst zu den Rettungsbooten drängten, lässt bei mir Gänsehaut aufkommen. Ich setzte mich kurz und beginne erst jetzt allmählich zu realisieren wo ich hier eigentlich gerade bin. „Sitze ich gerade tatsächlich in der Costa Concordia? Was zum Henker mache ich hier eigentlich?“

For a few minutes I remain on the floor in silence until the sound of voices pull me out of my serenity. They sound close. I hide my memory cards in my shoe, put the alibi card into the camera, quickly take some pictures and listen. The voices are quieting down again. Carefully I move towards the bridge. A short time later I hear voices again, which fall silent again after a few minutes. This game repeats several times. Slowly and quietly I continue my work. Later I will find out that the voices were coming from the harbour opposite and that I was alone on the ship that day.

Einige Minuten verharre ich so in Stille am Boden bis mich Stimmen aus der Ruhe reisen. Sie klingen nahe. Ich verstecke meine Speicherkarten im Schuh stecke die Alibikarte in die Kamera, knipse schnell einige Bilder und lausche. Die Stimmen verstummen wieder. Vorsichtig bewege ich mich in Richtung der Brücke. Kurze Zeit später höre ich wieder Stimmen, die nach wenigen Minuten wieder verstummen. Dieses Spiel wiederholt sich einige weitere Male. Langsam und leise setzte ich meine Arbeit fort. Erst später finde ich heraus, dass die Stimmen vom Hafen gegenüber kommen und ich auf dem Schiff an diesem Tag alleine bin.

Silence now reigns in the place where all the threads came together and fatal decisions were made on that fateful night.

Wind blows through the open windows. From up here I can see a patrol boat heading for the Concordia. I take a few steps back from the window. The boat approaches the Concordia to some 20 metres, remains at the level of the bridge for a few minutes and then slowly starts moving again.

A line divides the room exactly in its center, the waterline. The larboard side still shines in light blue while the starboard side is covered in rust and overgrown with seaweed. It is fascinating to see how small the transition between the two areas is.

An dem Ort, wo zu jener schicksalsvollen Nacht alle Fäden zusammenliefen und verhängnisvolle Entscheidungen getroffen wurden, herrscht nun Stille. Der Wind bläst durch die offenen Fenster. Von hier oben sehe ich ein Patrouillenboot auf die Concordia zufahren. Ich gehe einige Schritte vom Fenster zurück. Das Boot nähert sich der Concordia auf etwa 20 Meter, verharrt einige Minuten auf Höhe der Brücke und setzt sich anschließend wieder langsam in Bewegung. Eine Linie trennt den Raum genau in seiner Mitte in zwei Teile, die Wasserlinie. Die Backboard-Seite erstrahlt noch immer im hellen Blau während die Steuerboard-Seite von Rost zerfressen und von Seepflanzen überwachsen ist. Es ist faszinierend zu sehen wie klein der Übergang zwischen beiden Bereichen ist.

Scetino’s cabin is in ruins. Because this part was resting on a rock, it is completely crushed and hardly accessible. The cabin of the first officer on the larboard side is perfectly preserved. I take a look around. DVDs, magazines, sailor posters, torn condom packs and other personal items are scattered around the room.

Scetinos Kabine liegt in Trümmern. Durch das Aufliegen auf einem Felsen an dieser Stelle ist sie komplett zerdrückt und kaum betretbar. Die Kabine des ersten Offiziers auf Backboard-Seite hingegen ist perfekt erhalten. Ich schaue mich um. Dvds, Zeitschriften, Seemannsposter, aufgerissene Kondom Packungen und weitere persönliche Gegenstände liegen im Raum verstreut.

After about five hours on board I feel hungry and tired. In order to be able to continue working, I set out on a search for something to eat and drink on board. I go to the upper part of the ship and explore the intact cabins on the larboard side. Personal belongings of the passengers, rescue equipment from the days after the accident and loose cabin furniture are scattered throughout the rooms. The vaults are already open and emptied. The luggage of the passengers was rummaged through and also lightened of valuables. The minibars of the cabins are still untouched, but their contents are mostly spoiled. Chocolate bars, juices, water, everything is inedible. The only thing I manage to stomach are cola and some cereal bars.

After the short snack break I let my gaze wander through the devastated cabin.

Next to me is a life jacket with the inscription Costa Concordia. There is a handbag on the table next to me, its contents spread all over the floor. I lie down and close my eyes.

Nach etwa fünf Stunden an Board packt mich der Hunger und die Müdigkeit. Um weiter arbeiten zu können, mache ich mich auf die Suche nach etwas Ess- und Trinkbaren an Board. Ich begebe mich in den oberen Teil des Schiffes und erkunde die intakten Kabinen auf Backboard-Seite. Persönliche Gegenstände der Passagiere, Rettungsequipment aus den Tagen nach dem Unglück und loses Kabinenmobiliar liegen verstreut in den Räumen. Die Tresore sind bereits geöffnet und geleert. Das Gepäck der Passagiere wurde durchwühlt und ebenfalls um Wertgegenstände erleichtert. Die Minibars der Kabinen sind noch unberührt, ihr Inhalt allerdings größtenteils verdorben. Schoko Riegel, Säfte, Wasser, alles ungenießbar. Nur noch Cola und einige Müsliriegel lassen sich noch irgendwie runter bekommen. Nach der kurzen Snackpause lasse ich meinen Blick durch die verwüstete Kabine schweifen. Neben mir liegt eine Schwimmweste mit der Aufschrift Costa Concordia. Eine Handtasche steht auf dem Tisch neben mir, ihr Inhalt über den Boden verteilt. Ich lege mich kurz hin und schließe die Augen.

The effort involved in towing the Concordia here to her harbour of origin is insane. Two and a half years of work, 30,000 tons of steel and costs of 1.6 billion euros. The biggest salvage project in history. It is hard to grasp the processes and immensity that was made to work here by the mistake of one person.

Signs of the work are also clearly visible inside the ship. Heavy steel structures run through the interior of the ship on many levels. Cabins and corridors are cut up and punctured by construction parts. The impression of a surreal theatre backdrop is intensified.

Der Aufwand, der betrieben wurde um die Concordia hier in ihren Geburtshafen zu schleppen, ist irrsinnig. Zweieinhalb Jahre Arbeit, 30.000 Tonnen Stahl und Kosten von 1,6 Milliarden Euro. Ein Bergungsprojekt dieser Größe hat es bis dato noch nicht gegeben. Welch ein Prozess, der durch den Fehler einer Person, hier zum Laufen gebracht wurde ist kaum zu begreifen. Die Spuren der Arbeiten sind auch im Inneren des Schiffes deutlich sichtbar. Schwere Stahlkonstruktionen durchziehen das Innere des Schiffes auf vielen Ebenen. Kabinen und Gänge sind zerschnitten und von Konstruktionsteilen durchbohrt. Der Eindruck einer surrealen Theater Kulisse verstärkt sich.

Noon. After about 6 hours on board and two sleepless days I feel utterly exhausted. In the last two hours, my concentration has already decreased noticeably. Small mistakes creep in more and more often and the risk increases with every minute. Unclear about the exact status of my work, I still make my way back. Ahead of me is the footpath over the mole and the translation to the mainland. In my exhaustion I hope to finally be taken up by the security service. Swimming back is out of the question for me at this point.

I hide my memory cards in my shoe, take some alibi pictures and walk back to my stating point on top of the mole, clearly visible from afar. But even now no one seems to pay any attention to my presence.

At the spot where I had hidden my little boat, there is now a fisherman. Ill tempered and not at all in the mood to move, he persistently ignores me and my request for a ride back to shore.

12 Uhr. Nach etwa 6 Stunden an Board und zwei schlaflosen Tagen überkommt mich die Erschöpfung. In den letzten zwei Stunden hat meine Konzentration bereits spürbar nachgelassen. Kleinere Fehler schleichen sich mir immer öfter ein und das Risiko steigt mit jeder Minute. Unklar über den genauen Stand meiner Arbeit mache ich mich dennoch auf den Rückweg. Vor mir steht noch der Fußweg über die Mole und das Übersetzen auf das Festland an. In meiner Erschöpfung hoffe ich nun endlich von dem Sicherheitsdienst aufgegriffen zu werden. Zurückschwimmen kommt für mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Frage. Ich verstecke meine Speicherkarten im Schuh, knipse einige Alibi Bilder und laufe diesmal oben auf der Mole und von Weitem gut sichtbar Richtung Ausgangspunkt zurück. Doch auch jetzt fällt niemandem meine Anwesenheit negativ auf. An der Stelle angekommen, an der ich mein kleines Boot versteckt hatte, sitzt nun ein Fischer. Zu meinem Pech hat der Typ überhaupt keine Lust sich zu bewegen und schon gar nicht mich mit dem Boot aufs Festland zu bringen. So stehe ich nun etwa eine halbe Stunde ziemlich dämlich schauend neben ihm und hoffe, dass er es sich doch noch anders überlegt.

 

15 minutes later, even ignoring me becomes too much for him and he calls a colleague who finally takes me to the mainland. „Well, how did you end up there? Did you drink too much yesterday or what?‘, he laughs out loud when he arrives and sees me.

At this point I would like to briefly mention my external appearance: My long black clothes are soaked with sweat, ship mud and whatnot after the night and 30°C on the ship. I stink bestially and look as if I’ve been pulled through a sewage pipe. „No, I spent the night at the Concordia,“ I answer in my delirium. „Haha, sure, get in. I’ll take you to the mainland!“

I drag myself to the city centre and straight to the nearest hostel. In full outfit I take a shower for the next hour. Brown water runs down the drain. After a few hours of sleep I manage to take a quick walk in the city and then straight back to bed. On the next morning my plane goes back to Nuremberg. On Tuesday I’m back in my office and follow the latest news about the Concordia on my third screen.

Schließlich klappt es dann irgendwann endlich. Der Fischer setzt sich zwar selber nicht in Bewegung, aber zumindest ruft er einen Kollegen her, der mich auf das Festland bringt. „Na wie bist du denn da gelandet? Hast du wohl gestern zu viel gesoffen oder wie?“, lacht er laut. An dieser Stelle sei kurz mein äußeres Erscheinungsbild zu erwähnen: Meine langen schwarzen Klamotten sind nach der Nacht auf dem Schiff und der 30°C durchtränkt von Schweiß, Schiffschlamm und was weiß ich noch. Ich stinke jedenfalls bestialisch und sehe aus, als ob man mich durch ein Abwasserrohr gezogen hätte. „Nein ich habe die Nacht auf der Concordia verbracht.“, antworte ich in meinem Delirium. „Haha, alles klar!“

 

Ich schleppe mich ins Stadtzentrum und dort in das nächste Hostel. In voller Montur stelle ich mich für die nächste Stunde unter die Dusche. Braunes Wasser läuft in den Abfluss. Nach einigen Stunden Schlaf geht es noch mal kurz in die Stadt und dann wieder ins Bett. Am nächsten Morgen geht mein Flieger wieder zurück nach Nürnberg. Am Dienstag sitze ich wieder im Büro und verfolge am dritten Screen wieder die neusten News über die Concordia.

Veröffentlicht am 08.11.2017 von Jonathan Danko

Comments

  • Was eine tolle Story. Hat wirklich Spaß gemacht zu lesen. Ich kann dein „verrücktes“ Hobby total nachvollziehen, ich fühle mich ebenfalls immer angezogen von Lost Places. Die Bilder erwecken ein schauriges Gefühl in mir, wow. Vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast und die Erinnerungen an das Schiff für die Nachwelt konserviert hast.

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